Rüti

625 m ü. M.
345  Einwohner

Das historische Strassen- und Brückendorf im hinteren Grosstal liegt auf der rechten Seite der Linth und nördlich des Durnagel. Um 1340 erscheint der Name Rüti erstmals in schriftlicher Form. Er bedeutet Rodung beziehungsweise urbar gemachtes Land.

Bis 1836 bildete Rüti mit dem Linthaler Ennetlinth einen Wahltagwen. Die Verbindung ergab sich durch die hier stehende, 1388 erstmals erwähnte, älteste Linthbrücke des Glarnerlandes. Überreste eines mittelalterlichen Wohnturms wurden am Haus «Spielhof» am gleichnamigen Platz gefunden. Erst 1939 kam es zur Trennung vom ehemaligen grossen Alpgebiet Braunwald. Mit diesem sowie mit Linthal ist Rüti Teil eines Landratswahlkreises.

Die Dorfschaft gehörte ursprünglich zur Kirche Glarus, seit zirka 1300 zu derjenigen Betschwandens; sie schloss sich 1528 der Reformation an.

Die Land- und Alpwirtschaft war bis ins 19. Jahrhundert die wichtigste Einnahmequelle Rütis. Die Einwohnerzahl betrug Ende des 17. Jahrhunderts rund 250. Danach kam die Baumwollhandspinnerei auf. Ihr Niedergang und die Bevölkerungsvermehrung hingegen führten um 1770 zur Verarmung. 1837 zählte man aber über 800 Rütenerinnen und Rütener. Die 1846 von den Herren Becker und Milt im Sätliboden eröffnete Baumwollspinnerei war zwischen 1979 und 2002 in griechischem Besitz, danach musste sie ihre Produktion als letzter Industriebetrieb im Dorf einstellen. 1856 hatten die Gründer die Wasserrechte an der Linth und am Marglenbach gekauft. (Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellte die Gemeinde Rüti das Gesuch, aus den Marglenquellen Wasser zu fassen.)

Seit jenem Jahr befand sich in einem Haus neben der Fabrik auch die «industrielle Versorgungsanstalt», ein Heim für bedürftige Knaben und Mädchen ab neun Jahren. Unter der Leitung von katholischen Schwestern wurden die Kinder bei zwölf Stunden Fabrikarbeit pro Tag erzogen. An zwei Halbtagen pro Woche unterrichtete überdies der Pfarrer von Linthal den Arbeiter-Nachwuchs in schulischen und religiösen Belangen. 1897 übernahm die neue Firma Schuler dieses Kosthaus. Dessen Schicksal war Ende der 1970er Jahre besiegelt, nachdem das Unternehmen erneut den Besitzer gewechselt hatte.

In der 1850 von den Gebrüdern Hefti aus Hätzingen errichteten ehemaligen Wollweberei im Tschächli wurden zwischen 1982 und 2002 für die Automobilindustrie Kunststoff-Fäden zu Strukturgarn verarbeitet. Die zwei Textilfabriken zogen um 1900 viele ausländische Arbeitnehmer an. (Noch heute weist die Gemeinde mit etwa 35 % den höchsten Ausländeranteil im Kanton auf.) 1980 arbeiteten vier Fünftel der Erwerbstätigen im Industrie-Sektor. Im Jahr 1930 liessen sich über 1000 Personen amtlich registrieren, 1941 nur noch 670, 1990 504. Seit Mitte der 1990er Jahre verschlimmert sich die Finanzlage der Gemeinde, welche auf Hilfe von aussen angewiesen ist.

Nicht nur Kosten verursachten zerstörerische Naturgewalten im Verlauf der Dorfgeschichte. Fünf Rütener Holzer kamen am 5. Februar 1891 ums Leben, als sie in der Schüttirunsgegend von einer Staublawine mitgerissen wurden, welche sich am Saasberg gelöst hatte. Auf dem Friedhof von Betschwanden erinnert ein Grabstein an dieses Unglück.

Keine Menschenleben forderte indes die Durnagel-Katastrophe vom 24. August 1944. Der Bergbach überschwemmte nach einem Gewitter die Ebene zwischen Rüti und Linthal mit einer halben Million Kubikmeter Schutt. Wald, Felder und Wiesen wurden dabei zerstört, Maschinensäle der Firma Schuler und Wohnstuben überflutet sowie die Eisenbahnlinie unterbrochen. Heute ist der Durnagel gezähmt. Von 1947 bis 1992 verbaute man den Bach mit 82 Sperren und sechzigtausend Tonnen Beton.

Weniger gravierend waren die Schäden durch die Hochwasser der Schüttenrunse (zum Beispiel 1953 und 1983). Demgegenüber verursachten die Rutschung «Bätschen» von Braunwald her und Murgänge in der Wüechtenrunse Ende Februar 1999 grosse Verwüstungen, insbesondere in der Nähe der alten Brücke. Eine Sanierung derselben wurde im Jahr 2001 beschlossen.
Heute führt die Hauptstrasse ausserhalb des Dorfkernes vorbei. Die dortigen Blockbauten mit ihren reich verzierten Dachpfetten geniessen den Schutz des Bundes. Das Anfang des 16. Jahrhunderts erbaute Haus «Spielhof» birgt in seinem Innern eine spätgotische, geschnitzte Decke, welche unter anderem ein Fridolinswappen zeigt. An diesem Ort wurde die Gerichtsbarkeit ausgeübt und der Wegzoll erhoben.

Der Spielhof-Platz diente in früher Neuzeit dem militärischen Spiel und der Präsentation der Waffen fürs ganze hintere Glarnerland. Die Wichtigkeit dieser Stätte dokumentiert der Umstand, dass im 17. Jahrhundert eine Schiessanlage auf Landeskosten im Dorf unterhalten wurde.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts verschwand der Personenname Kloter. Dieser war bereits seit 1395 im Tal Glarus nachgewiesen worden und bezeichnete wahrscheinlich Angehörige der ländlichen Führungsgruppe, welche mit dem zürcherischen Raum in Verbindung stand. 1692 lebten elf Personen dieses Namens in Rüti. Der Ausdruck Klotersegg für ein Waldgebiet an der Priesternrunse erinnert daran, ebenso der sogenannte Kloterstein unter dem Saasberg. Dort sind der Name Jacob Kloter und die Jahreszahl 1656 eingeritzt.

1823 wurde in Rüti zum ersten Mal Schule gehalten; als Schullokal diente die Stube im «Brugghaus». 1834 erhielt das Dorf ein eigenes Schulhaus. Zehn Jahre später wurde Fridolin Vögeli zum Schulmeister gewählt. Dieser amtete während mehr als vier Jahrzehnten und war der Begründer einer Lehrerdynastie gleichen Namens. In den 1920er Jahren wurde das Schulhaus erweitert und erhielt das heutige Aussehen. (Die Sekundarschüler besuchen die 1865 gegründete Unterrichtsstätte in Linthal.)

1990 stellte die Gemeinde eine Mehrzweckhalle fertig, was das Vereinsleben Rütis fördert. Es gibt einen gemischten Chor (1999 wurde 125 Jahre Chorgesang gefeiert), einen erfolgreichen Schützenverein, einen Judo-Club, den FC Rüti (mit eigenem Fussballplatz), die regionale Feuerwehr, Sanitäts- und Frauengruppen, einen Ski- (mit Skilift in der Gemeinde) sowie einen Motorradclub und so weiter. Die Vereinigung «Pro Rüti» wurde 1982 gegründet und integriert rund 60 Ferienhausbesitzer in die Gemeinde.