Linthal

662 m ü. M.
1436 Einwohner
www.linthal.ch

Die Besiedlung erfolgte zunächst auf den Schuttkegeln vom Auen, Durnagel und Ennetlinth und an den Berghängen. Deshalb besteht die flächenmässig grösste Gemeinde des Kantons mit ihren 15 Alpen aus den drei Teilen Matt, Dorf und Ennetlinth sowie der Streusiedlung Auen im Süden. Lintal erscheint 1289 in den Schriftquellen. Der in diesem Begriff steckende Flussname Linth stammt vermutlich vom gallischen lintä (die Mächtige, Biegsame).

Im Habsburger Urbar (um 1300) tauchen die Tagwen Nieder- und Oberlinthal auf. 1376 kauften sich einige Linthaler von den Grundzinsen des Klosters Säckingen los. Nach 1415 entstanden aus Niederlinthal die bis 1836 zu einem Wahltagwen vereinigten Tagwen Ennetlinth und Rüti, aus Oberlinthal die Tagwen Dorf und Matt. 1837 schlossen sich Letztere mit Ennetlinth zusammen.

1283 ist eine Kapelle nachgewiesen, die spätestens 1319 zur Pfarrkirche erhoben wurde. 1333 ist eine daneben erbaute Schwesternklause bezeugt. 1518 verfasste Pfarrer Heinrich Linggi von Säckingen das Jahrzeitenbuch von Linthal (mit Angaben über die gefallenen Glarner bei der Schlacht von Näfels 1388).

Linthal wurde zwar durch die Reformation paritätisch. Die die drei Tagwen umfassende überkonfessionelle Kirchgemeinde blieb aber bis 1869 erhalten. Das Kirchgebäude wurde freilich nach dem Zweiten Kappelerkrieg den Katholiken zugeteilt, während die Evangelischen den Gottesdienst in Betschwanden besuchten. Als diese 1604 in Ennetlinth ein eigenes Gotteshaus bauten, änderte sich an den weltlichen Belangen der gemeinen Kirchgemeinde jedoch nichts. Dieser gehörten nach wie vor fast alle Wälder sowie die Geissweid- und Wildheurechte. 1795 teilte die Kirchgemeinde den Waldbesitz zwischen den drei Tagwen auf. Der Ortsname war erst in diesem Jahr geschaffen worden. 1781 hatte ein Hochwasser die evangelische Kirche zerstört, ein Jahr später erfolgte der Neubau im Tagwen «Dorf».

Die Pfarrei bildeten bis 1895 Gemeinden bis Luchsingen. 1905/06 errichtete August Hardegger die heutige katholische Kirche im Tagwen Matt, während die alte am Fusse des nach ihr benannten Kilchenstocks bis auf den Turm abgebrochen, dieser jedoch unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Die Landwirtschaft stellte bis ins 18. Jahrhundert fast den einzigen Erwerbszweig dar. Im Mittelalter dominierte die Schafzucht. Seit dem 15., vor allem aber im 17. Jahrhundert wurden für den Export bestimmte Rinder auf den Alpen gesömmert. Den Zugang zur Baumgartenalp gewährleistete die berühmte, 1457 gebaute, immer wieder erneuerte, Pantenbrücke. 1530 kam es zum Bau des «Landvogt-Schiesser-Hause» an der Matt, welches 1974–76 in den alten Zustand versetzt wurde und nun das Dorfmuseum beherbergt. Schon 1634 wurde überdies ein Gebiet oberhalb der Reitimatt «bi dem Kalchoffen» genannt. 1690–94 wanderten aber viele Linthaler aus (vor allem nach Brandenburg) infolge von Grenzsperrungen und Armut. Dorf und Matt zählten 1701 78 evangelische und 1703 16 katholische Männer. Verdienst brachte seit 1714 die Baumwollhandspinnerei und, ab zirka 1760, die Handweberei, was gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu Bevölkerungswachstum führte (1799 bestand die Einwohnerschaft aus 1538 Personen). Um 1770 aber hatte grosse Armut geherrscht; 1777 wohnten im Dorf nicht einmal 1000 Leute.
Nach vielen schweren Hochwasser-Schäden (zum Beispiel 1726, 1762 und 1764) schuf die Linthkorrektion 1832–34 die Voraussetzungen für die Ansiedlung von Industrie. Die 1839 von Heinrich Kunz, Uster, eröffnete heutige «Spinnerei Kunz AG Windisch» ist der weltweit modernste Betrieb der Branche, welcher seit 1997 einer italienischen Textilgruppe gehört. Die 1852 von Gebrüdern Becker aus Ennenda gegründete Feinspinnerei und -weberei, seit 1901 Firma Bebié, stellte bis 1998 Strickgarne her. (Nun erwägt die Region Glarner Hinterland-Sernftal, in den Fabrikgebäuden ein Kulturzentrum zu errichten.) Das glarnerische Fabrikgesetz von 1864, das erste in Europa, regte der Linthaler Pfarrer Bernhard Becker an (eine Gedenktafel befindet sich im Kirchgemeindesaal).

1879 wurde Linthal ans Eisenbahnnetz der Nordostbahn angeschlossen. Die Einwohnerzahl war damals auf rund 2300 angestiegen, nachdem sie 1837 noch 1617 betragen hatte. Um die Wende zum 20. Jahrhundert hingegen sank sie wieder auf zirka 1900. Von 1895 bis 1900 kam es zum Bau der Klausenpassstrasse auf Glarnerseite; 1922 wurde der Postautokurs Flüelen–Linthal eröffnet. 1830–1915 herrschte Kurbetrieb im für seine Schwefelquelle berühmten Bad Stachelberg. (Entdeckt wurde die Heilkraft des Wassers vom Glarner Arzt Johann Marti 1768.) Von nationaler Bedeutung ist das 1957–65 errichtete Hochdruckspeicherwerk Linth-Limmern mit dem Limmern-Stausee. Es bringt der Gemeinde zirka 40 Arbeitsplätze und Steuereinnahmen (Wasserzinsen). Den ökologischen Tribut zollte der nicht mehr existierende Schreyenbachfall, für dessen Wiederbelebung Initiativen ergriffen werden. 1960 registrierte man denn auch die meisten im Dorf lebenden Personen (2645), dreissig Jahre später aber nur noch etwa die Hälfte (1370). Aus der verkehrspolitischen Diskussion verschwunden ist der Tödi-Greina-Basistunnel, der 1960 von den Ostschweizer Kantonen unterstützt wurde.

Zwischen 1600 und 1640 wurden die reformierten Kinder von einem Bauernschulmeister unterrichtet. 1799 trat der erste Lehrer seine Stelle an. 1840 weihte Linthal das evangelische Schul- und Pfarrhaus ein (1974 wurde es zum Gemeindehaus umfunktioniert). 1847 konnte das Schulgebäude Auen bezogen werden, dessen Neubau aus dem Jahr 1958 datiert. Seit 1865 besteht im «Dorf» ein Schulhaus, nach 1973 für Sekundar- und Oberschüler aller Gemeinden des Grosstals von Luchsingen an. Das Dorfschulhaus Sand entstand 1889, dessen Neubau 1973/74. 1938 öffnete das Bürger- und Altersheim seine Tore.

Das Tödigebiet (der Name geht auf «d’Ödi» [die Öde] zurück) ist geologisch sehr bedeutsam. Beispielsweise fand man bei Untersuchungen 1944/45 im Staugebiet des zukünftigen Limmernsees Saurierknochen. Im Jahr 2000 gelang sogar die Entdeckung der zweitältesten je in der Schweiz aufgespürten Wirbeltierspuren. Die Fussabdrücke in einer Steinplatte des Rötidolomites stammen wahrscheinlich von einer Gruppe Archosaurier, die vor 230 Millionen Jahren gelebt hatte.

Linthal musste sich stets mit den Naturgewalten auseinandersetzen. Die Berglialp-Lawine donnerte 1758 zu Tal. Bergsturzgefahr am Kilchenstock führte 1930 zur Evakuierung eines ganzen Dorfteils. Zwischen 1989 und 2003 wurden rund 5,6 Millionen Franken in ein von Bund, Kanton und Tagwensgemeinden getragenes Waldbauprojekt am Kilchenstock investiert. Im Januar und März 1996 stürzten 2 500 000 Kubikmeter Fels vom Zuetribistock auf die Sandalp, worauf innert fünf Jahren für zwölf Millionen Franken ein Ableitstollen für den Sandbach erstellt wurde.

Das Dorf ist touristischer Ausgangspunkt des Klausen- und Kistenpasses sowie für Hochgebirgstouren (etwa zum Tödi, dem Dach des Glarnerlandes, 3614 m ü. M., dessen Erstbesteigung 1837 drei Linthaler Gemsjägern gelang). Auf Gemeindegebiet befinden sich fünf SAC-Hütten, darunter die Grünhornhütte (2453 m ü. M.) als erste der Schweiz (1863 erbaut). Von 1922–1934 fanden internationale Klausenrennen statt, denen seit den 1990er Jahren mit sogenannten «Memorials» gedacht wird. Mit «Jeeps» als Zugfahrzeuge setzten sich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg jeweils Fastnachtsumzüge von Linthal her kommend in Bewegung. Als Sujets für diese Wagen dienten zum Beispiel die amerikanischen Soldaten im Glarner Urlaub mit ihren Uniformen und ihrer Vorliebe für Kaugummi. Seit 1975 erinnert ein jährlich durchgeführter sportlicher «Maarchelauf» auf der Strecke Glarus–Linthal–Urnerboden an den Jahrhunderte lang andauernden Streit um die grosse Alp und die damit verbundene Sage von je einem Urner und Glarner Grenzläufer.

Kulturschaffende inspirierte die Gegend im hintersten Linthtal zu ihren Werken. Im Hotel «Tödi» im Tierfehd, 1860 als «Curanstalt und Gasthof Tödi» und Sommerresidenz für die Gäste des Bades Stachelberg eröffnet, vollendete der Wiener Schriftsteller und Satiriker Karl Kraus 1916 sein Drama «Die letzten Tage der Menschhet». In einer nun abgebrochenen Hütte, unmittelbar beim heutigen Hotelgebäude, wurde 1736 der Riese Melchior Thut (2,34 Meter gross) geboren, dessen Leben die Schriftstellerin Eveline Hasler 1988 in ihrem Roman «Der Riese im Baum» nachzeichnete. Der Maler Alexander Soldenhoff (1882–1951) zog sich in den Sommermonaten jeweils in sein Atelier auf dem «Bödeli» zurück.